Ich glaube, das ist das älteste Buch, in dem Papierfalten vorkommt, das ich besitze. Aber ich bleibe am Ball und stöbere seit Neuestem wieder in Antiquariaten, weil ich es spannend finde, was und wie die Menschen vor Jahrzehnten gefaltet haben. Dieses Buch „Des Kindes erstes Beschäftigungsbuch. Praktische Anleitung zur Selbstbeschäftigung für jüngere Kinder“ stammt von 1877, es ist herausgegeben von E. Barth und W. Niederley und im Verlag Velhagen & Klasing erschienen. Als Pädagogin fasziniert mich neben den Faltanleitungen auch, was man Kindern vor 140 Jahren zugetraut hat. Als ich im letzten Jahr in einer Kita war, erklärte mit eine Leiterin: „Die Kinder können nicht mehr falten.“ Tja, wenn sie es in der Kita nicht lernen, wird das wohl immer so bleiben, dabei lernen Kinder so viel dabei, haben Spaß und ein Erfolgserlebnis. Aber darum geht es jetzt nicht, sondern um das obige Buch.

Die Beschäftigungen in dem Buch

Im Vorwort wird explizit darauf hingewiesen: „Die Beschäftigungen, welche wir in diesem Buche darbieten, sind alle nicht künstlich ersonnen, sie sind nich am Schreibtische entworfen, sondern kommen, so weit sie nicht schon an sich volksthümlich sind, ganz aus dem Leben der Kinder heraus, sind von diesen zum Theil selbst erfunden worden“ (Vorwort S. V) E. Barth betrieb die „Barth’schen Erziehungsinstitute“ in Leipzig, inwieweit er auf Fröbel zurückgriff, wird in dem Buch nicht deutlich. Allerdings decken sich seine Beschäftigungen mit den Spielgaben und Beschäftigungen, die Fröbel für seine Kindergärten vorstellt. Ernst Julius Barth gründete seine Erziehungsanstalt 23 Jahre nach Fröbel, nachdem er zuvor in Jena studiert hatte. Doch die Frage, wie Fröbel und Barth zusammenhingen, ist eine aufwendigere Frage, hier geht es ja ums Papierfalten 🙂 – hier also die Übersicht der Beschäftigungen:

  1. Flechtarbeiten
  2. Das Falten
  3. Ausstechen und Ausnähen
  4. Das Ausschneiden
  5. Modelliren
  6. Drahtarbeiten
  7. Kinderspiele

Die Anregungen zum Falten und Flechten sind sehr ähnlich wie die Fröbels, aber es gibt einige kleine Modifikationen. Sehr spannend ist auch das Kapitel „Das Serviettenfalten“ als Unterkapitel, das mir bei Fröbel explizit nicht begegnet ist. Das finde ich insofern interessant, weil ich glaube, dass das Papierfalten in Europa nicht nur aus dem asiatischen Raum importiert wurde, sondern seine Vorläufer im Serviettenfalten hat. An zwei Abbildungen (siehe oben) wird das besonders deutlich. Diese Faltung ist ebenso als japanische Faltform bekannt, daraus wird u. a. das Yakko-Modell gefaltet. Außerdem ist die Faltform die Grundlage für die Stühle dieses kleinen Ensembles, das ich nachgefaltet habe. (Der Tisch entspricht übrigens Schritt 4 der Basis-Schönheitsform von Fröbel und die Tassen sind umgedrehte Himmel & Hölle-Figuren 🙂 ) In dem Buch gibt es noch einiges zum Nachfalten, ich werde berichten 🙂